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mixed up by motion

Johanna Wagner

Sep 20 - Nov 6, 2026
Opening / Sep 19, 4 PM
Karlsruhe

Information

mixed up by motion

by Rosa Windt

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Ein gemaltes Pferd steht nachts auf einer Wiese. Lebensgroß, mit breiten, dunkelvioletten Pinselzügen auf Papier gezeichnet, ist es inmitten einer Herde echter Pferde platziert. Zunächst halten die Tiere Abstand, mit zunehmender Neugier zeugen am nächsten Morgen jedoch Hufspuren von einer nächtlichen Begegnung mit der fremden Erscheinung. Für einen Moment ist das Bild aus der ihm vorgegebenen Rolle gefallen, es wurde betrachtet, geprüft und berührt, vielleicht für ein Gegenüber gehalten und als solches beantwortet. In dieser ebenso einfachen wie präzisen Versuchsanordnung werden wesentliche Aspekte Johanna Wagners künstlerischer Praxis offenbar: Die in der Ausstellung mixed up by motion in der Galerie PAW versammelten Fotografien verdichten einen vielschichtigen Prozess aus Malerei, Objekt und performativer Inszenierung zu Bildräumen, in denen sich Darstellung und Wirklichkeit fortwährend ineinanderschieben. Ihre Arbeiten entstehen in mehreren, aufeinander bezogenen Phasen. Gemalte Formen werden auf Träger appliziert, ausgeschnitten und in räumliche Situationen eingebracht, innerhalb derer sie Handlungen anstoßen und auf eine Umgebung treffen, die sich der vollständigen Kontrolle entzieht. Die Fotografie hält diese Begegnungen fest, ohne sie auf ihren dokumentarischen Gehalt zu beschränken und bündelt die verschiedenen Elemente des künstlerischen Prozesses zu neuen Bildwelten. Das gerichtete Blitzlicht hebt Farben, Körper und Objekte aus der nächtlichen Dunkelheit hervor, während tiefe Schatten, Spiegelungen und eine intensive Farbigkeit den Aufnahmen eine malerische Qualität verleihen, in der sich Wagners bildnerisches Denken über die Grenzen der einzelnen Medien hinweg fortsetzt.

Ausgangspunkt des Pferdes ist etwa eine Aufnahme aus Eadweard Muybridges berühmter Bildfolge The Horse in Motion. Muybridges fotografische Studien zerlegten Ende des 19. Jahrhunderts den Galopp in einzelne Phasen und erschlossen damit Bewegungsabläufe, die dem menschlichen Auge zuvor verborgen geblieben waren. Wagner entnimmt dieser frühen Geschichte des bewegten Bildes eine einzelne Figur und schreibt die in ihr angelegte Bewegung über das historische Motiv hinaus zwischen unterschiedlichen Medien, Zeiten und Formen der Wahrnehmung fort. Aus der fotografischen Sequenz entsteht ein gemaltes Objekt, aus dessen physischer Präsenz entwickelt sich eine Handlung, die schließlich wieder in das fotografische Bild eingeht. Während die Künstlerin in früheren Arbeiten häufig selbst vor die Kamera trat und den eigenen Körper zum Zentrum ihrer Inszenierungen machte, rücken in neueren Arbeiten zunehmend andere Protagonist*innen, vor allem Tiere, an ihre Stelle. Der künstlerische Prozess öffnet sich damit für eine Form des Gegenübers, die außerhalb einer menschlichen Bildordnung liegt und das Tier als handelndes und wahrnehmendes Subjekt versteht. Diese Umkehrung berührt eine lange kunsthistorische Tradition, innerhalb derer Tiere vornehmlich als Motive, Symbole und Projektionsflächen menschlicher Vorstellungen auftraten. Besonders deutlich wird dies im Jagdstillleben, wo die Körper erlegter Tiere von Besitz, Reichtum und der Verfügungsgewalt des Menschen über die Natur zeugen. Das Tier war sichtbar, seine Perspektive blieb jedoch aus dem Bild ausgeschlossen. Wagners Arbeiten verschieben diese Ordnung, indem etwa ein Filmstill aus dem Material einer Wildkamera malerisch angeeignet und an jenem Ort im Wald aufgehängt wird, an dem sich zuvor ein Fuchs gezeigt hatte. Ob dieser sein eigenes Porträt jemals sah, bleibt unbekannt; Rehe, ein Dachs und mehrere Vögel wurden jedoch beim Betrachten des Bildes von Wagner aufgezeichnet. Die Fotografie dokumentiert so eine Rezeption, deren Bedeutung offenbleibt und gerade dadurch die vermeintliche Eindeutigkeit des menschlichen Blicks infrage stellt.

Mit der Arbeit Mezzo Mix überträgt Wagner ähnliche Fragestellungen auf die Geschichte des Stilllebens und seiner Zeichen. Die mit Acryl auf Baumwolle gemalten, auf Pappe applizierten und von Hand ausgeschnittenen Elemente fügen sich zu einer beweglichen Installation im Raum. Wagners Interesse gilt dabei insbesondere auch dem ursprünglichen Sprachbild, das hinter dem kunsthistorisch verfestigten Begriff „Vanitas“ liegt. Das hebräische Wort häväl, das sich als „Windhauch“ übersetzen lässt, wurde in der lateinischen Bibel mit vanitas wiedergegeben und während sich Vanitas über Jahrhunderte zu einem festen Bildrepertoire verdichtet hat, bewahrt der Windhauch für Wagner etwas Flüchtiges und kaum Greifbares. Diese Vorstellung findet ihre Entsprechung wiederum auf einer Fahne, auf der das Wort „Windhauch“ zu lesen ist. Sie wird getragen, gewendet und in Wasser getaucht, bis sich ihre Buchstaben mit der Spiegelung verbinden und zu neuen abstrakten Formen verschieben. Auch Sprache erscheint dabei als bewegliches Material, dessen Bedeutung sich zwischen Schrift, Körper und Bild immer wieder neu zusammensetzt. So entfaltet sich die Ausstellung mixed up by motion als ein Gefüge aus Bildern, Blicken und Übersetzungen. In der Dunkelheit werden Wiese, Wald und Wasser zu temporären Bühnen, auf denen die Dinge für einen Augenblick aus ihren vertrauten Ordnungen treten. Gemaltes begegnet Lebendigem, Schrift löst sich in Spiegelung auf, Tiere werden zu Betrachtenden. Bewegung bezeichnet dabei weit mehr als eine körperliche Aktion, sie erfasst die Übergänge zwischen den Medien ebenso wie die Veränderung von Bedeutungen und Perspektiven. Wagners Fotografien verdichten diese Prozesse zu Bildern, deren Form aus der Begegnung hervorgeht und für deren Unwägbarkeiten durchlässig bleibt.

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A painted horse stands in a meadow at night. Life-sized, drawn on paper in broad, dark violet brushstrokes, it is placed among a herd of real horses. At first, the animals keep their distance, but as their curiosity grows, hoofprints the following morning bear witness to a nocturnal encounter with the unfamiliar apparition. For a moment, the image has stepped out of the role assigned to it: it was observed, examined and touched, perhaps taken for a counterpart and answered as such. This equally simple and precise experimental setup reveals essential aspects of Johanna Wagner’s artistic practice: the photographs brought together in the exhibition mixed up by motion at PAW condense a multilayered process of painting, object and performative staging into pictorial spaces in which representation and reality continually shift into one another. Her works emerge in several interconnected phases. Painted forms are applied to supports, cut out and introduced into spatial situations, where they initiate actions and encounter an environment that eludes complete control. Photography captures these encounters without reducing them to their documentary content, instead bringing together the various elements of the artistic process to form new pictorial worlds. The directed flash picks out colours, bodies and objects from the darkness of night, while deep shadows, reflections and an intense use of colour lend the photographs a painterly quality in which Wagner’s pictorial thinking continues beyond the boundaries of individual media.

The starting point for the horse, for example, is an image from Eadweard Muybridge’s famous sequence The Horse in Motion. Muybridge’s photographic studies, made at the end of the nineteenth century, broke the gallop down into individual phases, making visible movements that had previously remained hidden from the human eye. Wagner takes a single figure from this early history of the moving image and continues the movement inherent in it beyond the historical motif, between different media, periods and forms of perception. A photographic sequence becomes a painted object; from its physical presence, an action develops that ultimately enters back into the photographic image. While in earlier works the artist often appeared in front of the camera herself, making her own body the centre of her stagings, in more recent works other protagonists, particularly animals, increasingly take her place. The artistic process thus opens itself up to a form of encounter that lies outside a human order of images and understands the animal as an acting and perceiving subject. This reversal touches upon a long art-historical tradition in which animals primarily appeared as motifs, symbols and projection surfaces for human ideas. This becomes particularly evident in hunting still lifes, where the bodies of slain animals bear witness to possession, wealth and human dominion over nature. The animal was visible, but its perspective remained excluded from the image. Wagner’s works shift this order: in one instance, for example, a film still from footage recorded by a wildlife camera is appropriated through painting and hung at the site in the forest where a fox had previously appeared. Whether the fox ever saw its own portrait remains unknown; however, Wagner recorded deer, a badger and several birds looking at the image. The photograph thus documents an act of reception whose meaning remains open and, precisely for this reason, calls into question the supposed unequivocal nature of the human gaze.

With the work Mezzo Mix, Wagner transfers similar questions to the history of the still life and its signs. The elements, painted in acrylic on cotton, applied to cardboard and cut out by hand, come together to form a movable installation in space. Wagner is particularly interested in the original linguistic image underlying the art-historically established term “Vanitas”. The Hebrew word häväl, which can be translated as “breath of wind”, was rendered as vanitas in the Latin Bible, and while Vanitas has, over the centuries, condensed into a fixed repertoire of images, the breath of wind retains for Wagner something fleeting and barely graspable. This notion finds its counterpart once again on a flag bearing the word “Windhauch” (“breath of wind”). It is carried, turned and dipped into water until its letters merge with their reflection and shift into new abstract forms. Language, too, appears as a material in motion, whose meaning is continually reassembled between writing, body and image.

Thus, the exhibition mixed up by motion unfolds as a constellation of images, gazes and translations. In the darkness, meadow, forest and water become temporary stages on which things step outside their familiar orders for a moment. The painted encounters the living, writing dissolves into reflection, and animals become viewers. Movement here signifies far more than a physical action: it encompasses the transitions between media as well as the transformation of meanings and perspectives. Wagner’s photographs condense these processes into images whose form emerges from encounter and remains permeable to its uncertainties.

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